Rosenkavalier
"Missy!“
Wir sind drei Frauen im Büro und versuchen, anhand der Lautstärke und Stimmlage unseres Chefs herauszufinden, wer gemeint sein könnte. Seufzend erhebe ich mich, denn er klingt wirklich sehr schrill und laufe ins große Eckbüro.
„Wird ja auch Zeit!“ brüllt mich das Walross an, kaum dass ich die Schwelle übertreten habe.
„Da läuft irgend so ne Umweltscheiße am Fluss, die haben was gefunden. Fahr hin, quetsch die Typen aus und nimm den kleinen Scheißer mit zum Fotos machen! Mit leeren Händen brauchst du gar nicht wiederzukommen.“ Ich warte einen Moment, weil ich auf mehr Informationen hoffe, doch „Hopp, hopp!“ ist sein einziger weiterer Beitrag zum Thema.
Marcus wartet bereits in der Tiefgarage.
„Umweltsache am Fluss“ lasse ich ihn wissen.
„Cool, ne Leiche in nem Teppich“ grinst er und schließt den Kombi auf.
Auf meiner Mailbox ist das übliche „
Kaja? Kaja!“ meiner Mutter, die nie merkt, wenn sie den Anrufbeantworter erwischt hat. Ich seufze. Das hat mir gerade noch gefehlt. Als Scheidungskind bin ich bei meiner Mutter aufgewachsen und unser Verhältnis ist, gelinde gesagt, angespannt. Trotzdem werde mich nicht vor einem Treffen zum Kaffee trinken drücken können. Mir gehen schlicht und ergreifend die Ausreden aus.
Ich beschließe, es hinter mich zu bringen und rufe direkt zurück. Sie meldet sich nach dem ersten Klingeln.
„Hallo Mama.“
„Hallo Schweinkind.“
Ich habe noch keinen Namen für meine Hauptfigur im "Rosenkavalier". Vielleicht fällt euch ja was ein?
Es handelt sich um einen Thriller, SIE ist Journalistin bei einem lokalen Käseblatt, Anfang 30, Single, Scheidungskind.
Ich stelle mit einen klassischen, zeitlosen, aber nicht abgelutschten deutschen Namen vor. Er sollte nach Möglichkeit nicht "romantisch / süß" klingen, wenn ihr wisst, was ich meine...
Hilfe!?
Sein Name ist nicht wirklich Marcus. Wie die meisten Heimkinder hatte er einen peinlichen Namen – so was wie Britney-Lynn oder Kevin-Maurice. Es ist ein merkwürdiges Phänomen, aber nicht eines der Kids, die Marcus mir von Zeit zu Zeit vorstellt, hat einen normalen Namen. Oder auch nur einen Namen ohne Bindestrich. Im Büro läuft eine Langzeitwette. Jeder hatte einen Zehner gesetzt auf ziemlich fiese Varianten von Unterschicht-Vornamen. Doch weder Annerose, die in der Redaktion für die Lohnabrechnung zuständig ist und deshalb Bescheid weiß, was in Marcus’ Pass steht, noch er selbst, hatten jemals damit rausgerückt. Mir ist es egal. Ich bin froh, dass ich ihn nicht mit perversen Popstars Bezeichnungen ansprechen muss, die auf der Zunge einen Geschmack nach Maracuja-Limetten-Parfait hinterlassen.
Sie versucht flach zu atmen. Langsamer und durch die Nase. Die Dornen haben ihre Wangen aufgeschlitzt, die Zunge und den Gaumen. Deshalb muss sie durch die Nase atmen. Langsam, ohne zu schlucken. Den Rest der Blumen hat er auf das geklebt, was von ihrem Gesicht noch übrig ist. Ein Blütenblatt nach dem anderen. Erst die Stirn, dann Nase und Kinn. Sie hat versucht, nicht zu schreien, als die Heißklebepistole ihre Haut berührte. Schreien mag er nicht, das hat er sie deutlich wissen lassen in den letzten Tagen. Aber die Töne kamen von ganz allein aus ihrem Mund.
Die Holzbohlen der Brücke sind noch warm, als er sie in den Fluss rollt. Erst ganz zum Schluss, als sie schon fast den Grund erreicht hat, gibt sie auf. Sie sieht wie seine Spucke auf die Wasseroberfläche trifft und hört auf sich zu wehren und zu beten, dass ihre Mama kommen möge, um sie nach Hause zu holen.