Er war ein guter Junge. Machte seinen Realschulabschluss, hatte Ziele. In der vierten Klasse hatte er zwei Ehrenrunden gedreht, nachdem seine stets besoffene Mutter von einem Zug überfahren worden war. Niemand wusste, ob es ein Unfall gewesen ist. Der Neunjährige, der daneben gestanden und zugesehen hatte, konnte monatelang kein Wort sagen und erinnerte sich an nichts, als er wieder sprechen konnte.
Kaja hatte einen Vormittag damit zugebracht, das Archiv danach zu durchstöbert, nachdem ihr Marcus als Praktikant zugewiesen worden war. Sie wusste nicht einmal, warum die danach gesucht hatte. Sie konnte nicht anders, so war sie nun mal. Ihre Sicherheit und Stärke zog sie vor allem daraus alles zu wissen. Keine Überraschungen, nichts, das sie aus der Bahn werfen konnte.
Marcus war ein guter Junge. Hatte Ziele, wollte Fotograf werden, um die Welt reisen…
Heute gelesen: Multitasking, also viele Dinge gleichzeitig erledigen, so der Aachener Psychologe Iring Koch, ist nichts weiter als ein moderner Mythos* . Kann nicht sein, habe ich mir gedacht, Miss Odem hat schließlich ein Diplom in Multitasking. Und wenn 'Mann' sowas feststellt, ist das eh nur purer Neid.
Also heute morgen einen Selbstversuch gestartet: gleichzeitig BH und Hausschuhe anziehen - super! Gleichzeitig Zähne und Ablage für Zahnputzbecher putzen war schon schwieriger, aber man nennt mich nicht umsonst Superwoman *hüstel*.
Aber dann bin ich wohl doch zu mutig geworden, denn als ich mir beim gleichzeitig Kaffee aufbrühen und Tee in die Thermoskanne füllen fast die Finger verbrannt hatte, dachte ich mir, der Herr Psychologe hat vielleicht doch nicht ganz unrecht...
Oder?
Bis vor ein paar Tagen hätte ich gedacht, darauf gibt es nur eine Antwort. Aber: Pustekuchen!
Am Wochenende habe ich nach langer Zeit mal wieder meine beste Freundin getroffen. Sie hat in eigenem Interesse eine Umfrage bei Mutter, Freunden und Bekannten gestartet, die in einer festen Beziehung sind / waren. Die Frage: warst du schon mal richtig verliebt? Und: fast jeder meinte: nicht so richtig, ich hab mich eher arrangiert...
WAS??? WIE JETZT???
Und bei euch?
Hand aufs Herz
schon mal richtig verliebt gewesen?
Ich wohne in dem Eckhaus gegenüber der Schule. Das Haus meiner Eltern liegt nur 50 Meter entfernt die Straße runter. Als Kinder sind meine Cousinen und ich immer über die morsche Mauer des Eckhauses geklettert, um Äpfel zu stehlen. Der Baum war uralt, die Äpfel winzig, madig und sauer.
Ich wusste, es müsste genau diese Wohnung sein, als ich das ‚zu vermieten’ Schild sah, obwohl sie an einer vielbefahrenen Straße mit plärrenden Kindern auf der anderen Seite lag.
Der kleine Garten, zu dem verwitterte Holztür von der Straße rein führt hatte es mir angetan. Irgendwann will ich eine Terrassentür einbauen lassen, damit ich nicht immer durch das Fenster klettern oder ums Haus rum gehen muss, um in mein Paradies zu gelangen.
Drei Winter lang habe ich den Baum beschnitten, jeden Sommer gedüngt und gebangt, jetzt sind die Äpfel groß und saftig und ich muss höllisch darauf aufpassen, denn noch immer klettern die Nachbarskinder über die Mauer, um sich ihre Beute zu sichern.
Wir fahren zur Guthsmutsstraße, wo schicke Einfamilienhäuser mit weißen Zäunen und perfekten Vorgärten stehen. Das Kinderheim ist nur zwei Gehminuten entfernt, wahrscheinlich hat Marcus Lizzy direkt auf der Straße kennen gelernt.
Ein Mann Mitte 50 öffnet die Tür. Er trägt eine Anzughose und ein weißes Hemd, sein Bauch schiebt sich leicht über den Gürtel. Er hat südeuropäische Gesichtszüge, seine schwarzen Haare, von denen nur noch ein schütterer Kranz übrig ist und seinen tiefliegenden dunklen Augen verstärken diesen Eindruck.
"Was willst du Bastard hier?" fährt er Marcus an, kaum dass die Tür offen ist.
"Mach, dass du in das Rattenloch zurück kriechst, aus dem du gekommen bist. Aber vorher bringst du mir meine Lizzy zurück. Heimbastard!"
Marcus will antworten, doch ich halte ihn zurück. "
Herr Banat, mein Name ist Kaja Falke, ich bin Reporterin bei den Stadtnachrichten. Marcus macht bei uns ein Fotopraktikum und wir sind hier, weil er sich auch Sorgen um Lizzy macht. Dürfen wir vielleicht einen Moment reinkommen?"
Ich sehe deutlich die Abneigung in seinem Gesicht, am liebsten würde er uns die Tür vor der Nase zuschlagen. Doch die Aussicht, etwas über den Verbleib seiner Tochter zu erfahren lässt ihm keine Wahl und so bittet er uns herein.
„Darf ich fahren?“
„Hopp, hopp!“ scheuche ich ihn zur Beifahrerseite und kann mir selbst ein Grinsen nicht verkneifen.
Wir fahren die 20 Kilometer raus zum Stausee, Sarah aus der Rechercheabteilung hatte herausgefunden, dass unterhalb der Brücke ein paar Fässer angeschwemmt worden waren.
Marcus schwärmt während der ganzen Fahrt von seiner Freundin der Woche, die ganz hingerissen davon ist, mit einem „echten Fotografen“ zusammen zu sein. Den Teil mit der Praktikantenstelle bei der popligsten Lokalredaktion der Welt, hat er bei ihr wohl ausgelassen. Trotzdem verspüre ich einen kleinen Stich, ein wenig Neid auf seine Unbeschwertheit und seine heile Gefühlswelt. Wieder einmal komme ich mir alt und ausgelaugt vor.
Als wir am Ufer ankommen, ist der Spuk schon fast wieder vorbei. Ganze drei Fässer stehen auf der Ladefläche eines Kleintransporters, der gerade abfahren will.
Ich werfe Marcus einen panischen Blick zu. Zum ersten Mal in dieser Woche bin ich froh, mit einem 17jährigen zusammen arbeiten zu müssen. Er springt aus dem Wagen und hat schneller seine Bilder gemacht, als ich den Zündschlüssel aus dem Schloss ziehen kann.
Weil mir nicht Kreativeres einfiel, habe ich den "Chef" mit Walross betitelt. Oder was heißt einfiel, eigentlich habe ich mich gar nicht recht damit auseinander gesetzt. Wie / was könnte denn ein Chef sein? Was ist eurer?
"Missy!“
Wir sind drei Frauen im Büro und versuchen, anhand der Lautstärke und Stimmlage unseres Chefs herauszufinden, wer gemeint sein könnte. Seufzend erhebe ich mich, denn er klingt wirklich sehr schrill und laufe ins große Eckbüro.
„Wird ja auch Zeit!“ brüllt mich das Walross an, kaum dass ich die Schwelle übertreten habe.
„Da läuft irgend so ne Umweltscheiße am Fluss, die haben was gefunden. Fahr hin, quetsch die Typen aus und nimm den kleinen Scheißer mit zum Fotos machen! Mit leeren Händen brauchst du gar nicht wiederzukommen.“ Ich warte einen Moment, weil ich auf mehr Informationen hoffe, doch „Hopp, hopp!“ ist sein einziger weiterer Beitrag zum Thema.
Marcus wartet bereits in der Tiefgarage.
„Umweltsache am Fluss“ lasse ich ihn wissen.
„Cool, ne Leiche in nem Teppich“ grinst er und schließt den Kombi auf.
Auf meiner Mailbox ist das übliche „Kaja? Kaja!“ meiner Mutter, die nie merkt, wenn sie den Anrufbeantworter erwischt hat. Ich seufze. Das hat mir gerade noch gefehlt. Als Scheidungskind bin ich bei meiner Mutter aufgewachsen und unser Verhältnis ist, gelinde gesagt, angespannt. Trotzdem werde mich nicht vor einem Treffen zum Kaffee trinken drücken können. Mir gehen schlicht und ergreifend die Ausreden aus.
Ich beschließe, es hinter mich zu bringen und rufe direkt zurück. Sie meldet sich nach dem ersten Klingeln.
„Hallo Mama.“
„Hallo Schweinkind.“
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